Ben Aaronovitch: Fingerhut-Sommer – Eine Gastrezension von Kendraen

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Ich geriet zufällig an das Buch „Fingerhut-Sommer“ von Ben Aaronovitch. Es wurde mir mit den Worten: „Das könnte was für Dich sein!“, in die Hände gelegt, als ich mal wieder auf der Suche nach neuer Bettlektüre war. Es war mir damals nicht bekannt, dass es sich bei „Fingerhut-Sommer“ um den fünften Teil der Urban-Fantasy-Serie um Peter Grant handelte. Der Klappentext sprach von einem Londoner Bobby und Zauberlehrling, eben jenem Peter Grant, den es zur Aufklärung eines mysteriösen Falls ins ländliche England verschlagen hatte. Die Times pries es als: „Eine unglaublich temporeiche magische Achterbahnfahrt für Erwachsene!“, an. Ich mag Mystery und Fantasy, ich mag Krimis und England und englische Krimis und Achterbahnfahrten sowieso. Also: „Hinein ins Vergnügen!“

Bereits nach den ersten Seiten beschlich mich das Gefühl einen Fortsetzungsroman in den Händen zu halten. Der Ich-Erzähler berichtete von vorausgegangenen Ereignissen und über Personen ohne erklärende Erläuterungen. Zudem wirft er mit Kürzeln um sich, die für den Neuling erstmal schwer nachvollziehbar sind. Was mag wohl PC, DC, DS oder DCI vor dem Namen bedeuten und was ist der Unterschied zwischen Ihnen? Ich entschloss mich also die Unwägbarkeiten der diversen Polizeiränge der englischen Polizei und/oder Kriminalpolizei zu überlesen und lies mich auf die Geschichte ein.

Die Story spielt in und um Leominster („Lemster“ ausgesprochen, falls Sie das noch nicht wussten) einer nahe der Grenze zu Wales gelegenen mittelenglischen Kleinstadt in der Grafschaft Herefordshire. Police Constable Peter Grant wird von Chief Inspector und letztem Zauberer Englands Thomas Nightingale aufs Land geschickt, um routinemäßig das Verschwinden von zwei 11-jährigen Mädchen durch die Abteilung für „Abstrusen Scheiß“ zu beleuchten. Das Nightingale damit bezweckt Peter Grant für eine Auszeit aus London zu bekommen, entgeht dem frischgebackenen Zauberlehrling. Da die örtliche Polizei bei ihren Ermittlungen feststeckt, ist sie über jede Hilfe dankbar und bittet Peter eine Analyse anzufertigen. Es kommt wie es kommen muss, Peter Grant findet magische Zusammenhänge und löst den Fall zu guter Letzt mit Hilfe der Flußtochter Beverly Brooks. …

Im Laufe der Ermittlungsarbeiten stößt Peter auf mysteriöse Wahrnehmungen, Orte oder Personen deren Rolle in der Geschichte zum Teil sogar nebensächlich bleibt. Sie vermitteln den Eindruck, dass die Magie im modernen England, wider alle Erwartungen, sehr gegenwärtig und verbreitet ist. Dinge die wir aus der Artussage, mittelalterlichen Erzählungen oder Shakespeares Sommernachtstraum kannten, bestehen im Geheimen fort und verfolgen ihre eigenen Ziele. Ben Aaronovitch zitiert auf einer der ersten Seiten des Buches eine Passage aus Geoffrey Chaucers Canterbury Tales: Die Erzählung der Frau aus Bath. Ich gebe nicht vor die Canterbury Tales zu kennen, die Erzählung der Frau aus Bath habe ich jedoch in diesem Zusammenhang nachgelesen. Neben der Entdeckung, dass Herr Chaucer trotz oder grade wegen seiner Abhängigkeit vom Adel erstaunlich gesellschaftskritisch war, stellte ich fest, dass ähnlich wie bei Chaucer die alte, vertriebene Magie des Landes in das Geschehen der Geschichten eingreift, um ein Gleichgewicht wiederherzustellen oder eine Ungerechtigkeit zu sühnen. Hm, schweife ich ab? Wahrscheinlich.

Schlußendlich las ich das Buch „Fingerhut-Sommer“ mit dem Gefühl, dass sich ein bisschen Mystik an jedem Ort Englands befindet, ein paar Flußgötter, Zauberer, Geister, Kobolde, Einhörner oder Feen und es machte mich neugierig auf die anderen Teile der Peter-Grant-Reihe.

Rückblickend stelle ich fest, dass der „Fingerhut-Sommer“ die am wenigsten rasante Geschichte war. Das ist augenscheinlich beabsichtigt, denn Peter Grant hatte seine Auszeit auf dem ruhigen Land. Der „Fingerhut-Sommer“ ist losgelöst von den vier durchweg in London handelnden Vorgängerbänden. Vielleicht fühlt sich der ein oder andere Leser ein wenig wie nach einem Cliffhanger in einer spannenden Serie, die in der nächsten Staffel plötzlich einen anderen Handlungsstrang weiter erzählt. Aber das kann ich verzeihen, denn der „Fingerhut-Sommer“ hat seinen ganz eigenen Charme. Und für die gespannten Leser sei zuletzt noch erwähnt, dass für Februar 2017 der sechste Band „Der Galgen von Tyburn“ bereits vorbestellbar ist. Der Titel lässt darauf schließen, dass Peter Grant zurück in London ist und hoffen, dass die wilde Jagd auf den gesichtslosen Zauberer weitergeht. Für mich ein unbedingtes Muss!

Titel: Fingerhut-Sommer
Autor: Ben Aaronovitch
Verlag: dtv
Seiten: 416
Preis: 9,95 EUR
ISBN: 978-3423216029
Hier erhältlich

Markus Kastenholz bei „Ein Tag im Leben von…“

„Ein Tag im Leben von…“ hat Zuwachs bekommen! Ich freue mich sehr, daß mir Markus Kastenholz seinen „Arbeitsalltag“ geschildert hat!

Euer Kopfgestöber

Neue Rubriken?

Ihr Lieben,

momentan denke ich über zwei neue Rubriken auf meinem Blog nach…

Zum einen würde ich gerne ab und an ein paar Ausflüge in genre-fremde Gefilde machen. Ich würde unter dieser Rubrik Bücher besprechen und rezensieren, die nicht den Schwerpunkt Fantasy, Sci Fi oder Horror haben.

Eine andere Idee von mir wäre die Rubrik „Comic“. Dort würde ich unregelmässig Comics vorstellen und rezensieren. Als Beispiel könnt Ihr euch meine Rezension von Drei Steine ansehen.

Nun seid Ihr aber gefragt – bestünde denn überhaupt Interesse an diesen neuen Rubriken?

Liebste Grüße
Kopfgestöber

Nils Oskamp: Drei Steine

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Heute gibt es eine Premiere auf meinem Blog. Denn ich möchte Euch eine Graphic Novel vorstellen, die mich sehr bewegt hat.

Normalerweise rezensiere ich nur Bücher aus dem Bereich Horror, Fantasy oder Science Fiction, aber da mich das Thema von „Drei Steine“ von Nils Oskamp selber sehr beschäftigt, war es mir ein grosses Anliegen diese Rezension zu schreiben! Denn viel zu oft machen auch wir „die Augen zu“ und schauen weg…

Das Thema von „Drei Steine“ ist kein einfaches. Es ist ein Thema, welches uns alle in Deutschland seit einiger Zeit immer wieder heimsucht. Es ist ein Thema über das wir einfach sprechen müssen. Es ist ein Thema, welches betroffen und wütend macht. Ich rede von Rechtsradikalismus.

Nils Oskamp beschreibt in seiner Graphic Novel, wie er in den 80er Jahren an seiner Schule in Dortmund-Dorstfeld in das Visier einer rechtsradikalen Gruppierung geraten ist. Als einer seiner Mitschüler behauptet, daß es den Holocaust nicht gab, steht er auf und stellt sich dagegen. Die Graphic Novel erzählt weiter wie er als Jugendlicher nun damit umgegangen ist, wie er es geschafft hat, trotz eigener Wut im Bauch, trotz zweier Mordanschläge, Gewalt und ständiger Demütigungen durch Rechte, nicht auch zum Täter zu werden. Dabei helfen Ihm die „Drei Steine“. Die Hintergründe der „Drei Steine“ sind nicht ganz geklärt, lassen sich aber auf folgende Ideen eingrenzen: zum einen sind auf jüdischen Friedhöfen selten Blumen als Grabschmuck zu finden. Stattdessen liegen Steine auf den Gräbern. Diese sind als Zeichen des Gedenkens zu sehen. Eine weitere Überlieferung besagt, daß Schafhirten in der antiken Zeit ihre Schafe mit Hilfe von kleinen Steinen in einem Lederbeutel zählten. Starb ein Schaf nahm der Schäfer einen Stein heraus. Eine andere Überlieferung sieht die Tradition der Steine im nomadischen Ursprung der Juden als Nomadenvolk. Da in der Wüste Erdbestattunge nicht möglich waren, wurden Tote unter Steinhaufen beigesetzt. Wurde das Grabmal von Angehörigen besucht, legten sie Steine ab und erneuerten so den Schutz. Es gibt noch weitere Erklärungen – dazu möchte ich auf die Webseite von „Drei Steine“ verweisen.

Ich muss zugeben – es fällt mir sehr schwer diese Rezension zu schreiben. Denn das Thema Rechtsradikalismus macht mich wütend. Und wenn es dann noch „in der Nachbarschaft“ geschehen ist, macht mich das umso wütender. Dortmund ist – was Rechtsradikalismus angeht – kein unbeschriebenes Blatt. Der Rechtsradikalismus scheint hier „Tradition“ zu haben… viele behaupten sogar, daß Dortmund eine Hochburg der Rechten in Deutschland ist. Dieses Thema wird auch in „Drei Steine“ aufgegriffen – ein grosser Teil des Anhangs beschreibt die Entwicklung des Rechtsradikalismus in Dortmund.

Die Graphic Novel ist durchgehend in Blautönen gehalten – wie ich finde eine passende Farbe, um der Hintergrundstory die richtige Atmosphäre zu verleihen. Ich bin kein Comicprofi, aber die Bilder sind sehr eindringlich und machen beim Lesen und Ansehen betroffen. Trotz allem schafft es Nils Oskamp aber, daß man als Leser – wie auch der Protagonist – nie den Mut verliert. Im Gegenteil animiert die Graphic Novel sogar dazu zu seinen Standpunkten zu stehen und diese – wenn nötig – auch verbal zu verteidigen. „Drei Steine“ zeigt sehr eindringlich, daß es sehr wohl möglich ist, sich gegen stumpfe und gefährliche Ideologien zu verwahren, ihnen entgegenzutreten und aufzurütteln. In diesem Sinne finde ich es auch grossartig, daß Herr Oskamp mit „Drei Steine“ in Schulen geht und dort Lesungen veranstaltet.

Liebe Comicfans – verzeiht mir bitte diese Rezension. Ich habe noch keinen Comic rezensiert und war doch sehr unsicher, wie das zu handhaben ist. Daher liest sich diese Rezension wohl auch eher wie eine Buchrezension. Vergebt mir!

Ich möchte „Drei Steine“ jedem ans Herz legen! Ob jung oder alt! Lest die Graphic Novel, versteht was falsche Ideologien den Menschen antun, steht auf und erhebt Eure Stimme gegen Rechts!

Titel: Drei Steine
Autor und Zeichner: Nils Oskamp
Verlag: Panini
Seiten: 160
Preis: 19,99 EUR
ISBN: 978-3957986467
Hier erhältlich
Webseite „Drei Steine“

Momentan läuft eine Ausstellung zu „Drei Steine“ in der Steinwache in Dortmund. Wer daran Interesse hat, dem sei diese Seite für weitere Informationen empfohlen.

Joseph Fink & Jeffrey Cranor: Willkommen in Night Vale

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Night Vale, ein Städtchen in der Wüste. Irgendwo in der Weite des amerikanischen Südwestens. Geister, Engel, Aliens und ein Radiosender, der vor gefährlichem Wissen warnt, gehören hier zum Alltag. Night Vale ist völlig anders als alle anderen Städte, die Sie kennen – und doch seltsam vertraut. Jackie Fierro betreibt das örtliche Pfandhaus in Night Vale. Eines Tages verpfändet ein Fremder einen Zettel, auf dem mit Bleistift die zwei Worte „King City“ geschrieben stehen. Kaum ist der Mann in Richtung Wüste verschwunden, erinnert sich niemand an ihn – aber Jackie wird das Papier und das Rätsel, das es umgibt, nicht mehr los.

„Willkommen in Night Vale“ von Joseph Fink und Jeffrey Cranor ist ein Experiment. Es spielt mit Euren Gedanken und Gefühlen. Es verwirrt mit seiner Sprache und ist doch logisch. Kein Satz endet so, wie man es erwarten würde. Keine angedeutete Geschichte verläuft so, wie man es sich denken würde. Die Geschichte ist voll von Engeln, Trugbildern, Aliens, mysteriösen Behörden und vielem mehr.

Ich bin komplett verwirrt zurückgelassen…
Es ist nun ein Tag her, daß ich „Willkommen in Night Vale“ beendet habe. Und ich denke immer noch darüber nach. Ist es ein gutes Buch? Ist es ein schlechtes Buch? Was will mir die Geschichte eigentlich sagen? Ist es wirklich so, wie ich es mir denke? Hab ich das Buch überhaupt verstanden? Was soll das alles?

Fragen über Fragen, aber mein Gefühl sagt mir: „Was für ein tolles Buch!“
Es ist auf irgendeine unerklärliche Art spannend und fesselnd. Man will die Charaktere kennenlernen, will herausfinden was denn nun wirklich in Night Vale und King City vorgeht, was Jackie, Diane und Josh denn so bedeutend macht (ok, bei Josh wird das sehr schnell klar 😉 ). Aber dann liest man ein Kapitel und steht wieder völlig durcheinander da…

Das Buch basiert auf einem schon länger laufenden Podcast der beiden Autoren Joseph Fink und Jeffrey Cranor. Ich gestehe – ich kenne den Podcast nicht. Aber ich möchte ihn kennenlernen. Denn „Willkommen in Night Vale“ hat mich im Innersten berührt. Auch wenn ich komplett verwirrt bin und eigentlich gar nicht genau sagen kann was für ein Buch es eigentlich ist, so gefällt es mir doch ausserordentlich! Das Schlimme daran – ich kann gar nicht sagen warum… Aber eins weiss ich genau, das Buch wird mich noch sehr lange beschäftigen!

Merkwürdige Rezension werde einige nun sagen. Und Ihr habt recht! Genau so merkwürdig wie „Willkommen in Night Vale“.

Ich kann nur eine Empfehlung aussprechen – lest das Buch, lasst Euch darauf ein! Es ist nicht wie andere Bücher! Und vielleicht sagt ihr mir dann was es bei Euch ausgelöst hat…

Titel: Willkommen in Night Vale
Autor: Joseph Fink & Jeffrey Cranor
Verlag: Hobbit Presse
Seiten: 378
Preis: 19,95 EUR
ISBN: 978-3-608-96137-9
Hier erhältlich

Night Vale Podcast auf YouTube (englisch)

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